On the work
Toril Smit über Nils Olav Bøe
Toril Smit
(Direktor des Vigeland Museums)
Nils Olav Bøe
Nach seinem Studium an der Norwegischen Kunstakademie absolvierte Nils Olav Bøe zusätzlich die Experimentelle Klasse. Es war eine Alternative zu den traditionellen Kursen für Malerei und Skulptur, und berücksichtigte die international entstandenen Erweiterungen des Kunstbegriffs in den 60er und 70er Jahren, die die Grenzen zwischen Kunstformen und Disziplinen überschritten hatten. NOB’s Kunst gehört zu diesem sich ständig ändernden und offenen Bereich der Kunst. Auf der Suche nach den besten Mitteln und Metaphern, um seine Gedanken und Ideen auszudrücken, benutzt er verschiedene Medien. Bis 1996 arbeitete er mit Installationen, die Objekte, Zeichnungen, Video, Sound und Musik einschlossen. Seit 1996 kam die Kamera als neues Medium ins Spiel und änderte die Sichtweise sowie das Format seiner Werke radikal. Der Leitgedanke seiner Arbeiten blieb jedoch in vielerlei Beziehung davon unberührt. NOB ist kein künstlerischer Fotograf im klassischen Sinne, sein Bezug ist die erweiterte und postmoderne Fotografie. Mit dem Übergang zur Fotografie vollzog NOB einen Wechsel vom Umgang mit großen Objekten zur kleinen Welt der Modelle, alles spielt sich auf einem Tisch ab, als wäre es ein Miniatur-Filmstudio. Es beginnt mit Plastik-Modelleisenbahn-Figuren im Maßstab 1:87, Menschen, Gebäuden, Straßenlaternen, Bäumen und Hecken, Autos und Wohnwagen, Öltanks, Dieselpumpen, Tankstellen und Mauern. NOB benutzt diese Modelle als Requisiten in einer Reihe von Arbeiten, die sich über die Darstellung von Alltagesbegebenheiten zur Darstellung reiner Landschaft entwickelten, in der die Menschen nurmehr als Spuren ihrer Tätigkeit sichtbar werden. Die Ausleuchtung der Szenarien und ihre fotografische Abbildung mit der normalen Linse ist eine bedeutende scenographische Veränderung im Werk von Nils Olav Bøe. Das Ergebnis sind mehrdeutige Bilder, in denen die Motive durch die fotografische Verwandlung, von der dreidimensionalen in die zweidimensionale Form wie veredelt wirken.
Einerseits haben die Arbeiten ein konkretes Thema, charakterisiert durch die präzise und minimalistische Komposition und Struktur. Andererseits verwandelt sich diese Einfachheit in eine unendliche und undefinierbare, destabilisierende Atmosphäre von Zeit und Raum. Wir werden in eine komplett konstruierte und künstliche Welt versetzt, und gleichzeitig wird ein Gefühl von Gutbekanntem und Wiedererkennbarem heraufbeschworen. Durch NOBs vielschichtige Darstellung einer originalen und wahren Realität werden wir auf unsicheren Grund geführt. Seine Arbeiten können als kritische und frische Visualisierung heutiger Realität gelesen werden, die tagtäglich durch Hyper-Medien-Assoziationen gefiltert wird. Gleichzeitig können die Arbeiten als eine interessante Neuinterpretation des klassischen Genres der Landschaftsdarstellung gesehen werden, die komplett mit den Mitteln der neuen Medien und deren ästhetischen Möglichkeiten entsteht. Die erste Serie zeigt meist Menschen auf einer Insel in der weiten Leere der Imagination, in verschiedenen Situationen. Anscheinend langweilige Alltagsereignisse werden oft mit humorvoller Empathie dargestellt, drollig jedoch farblich zurückhaltend. In der folgenden Werkserie erzeugen sowohl das Format wie die Art der Darstellung, einsame Bilder. Im Mittelpunkt stehen Gebäude, Autos, Anhänger und Öltanks, placiert in absoluter Isolation in wüster und unfruchtbarer Landschaft, umgeben von einem mysteriösen Sonnenuntergang, kurz bevor er durch die Dunkelheit erstickt wird. Es ist eine wunderschöne Melancholie, die jedoch ebenso als Weltuntergangsstimmung der modernen Zivilisation gesehen werden könnte. Seine jüngste Serie führt das Landschaftsthema weiter, aber das Kameraauge fixiert sich auf Lampenpfosten, Bäume, Zapfsäulen und lange Mauern in der Art von Road Movies. Die Landschaften sind durchdrungen vom Licht und die Gegenstände werfen scharfe und dunkle Schatten. Es gibt keine Topografie, an die man sich halten könnte, nur das Gefühl von totaler Isolation und Einsamkeit in einem offenen und undefinierten Szenario. Es ist schön, aber auch unheimlich und bedrohlich wie die Szenerie aus einem Horrorfilm, wo im klaren Tageslicht der Feind unsichtbar ist, jedoch überall lauert. Das Medium Film ist eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Nils Olav Bøe. Das zeigt sich in seiner Vorliebe für Werkserien, die wie miteinander verbundene Stills einer imaginären Geschichte wirken. Eindrücke aus Filmen von Regisseuren wie Andrej Tarkowski und David Lynch hat NOB in sein eigenes Schaffen eingearbeitet. Den größten Einfluss hat das poetische Verständnis von Zeit in Filmen wie „Der Spiegel“ oder „Stalker“ von Tarkowski ausgeübt, wo ein Zeitpunkt mehr durch mentale Prozesse und Erinnerung bestimmt wird als durch Linearität und die Vergangenheit ein Teil der Gegenwart und der Zukunft wird. In NOBs Werken wird die Zeit so undefinierbar wie der Raum. Die Atmosphäre ist geladen mit der Abwesenheit des Gewesenen und der Erwartung des Kommenden, etwas Bedrohlichem, wie in der scheinbar friedlichen ländlichen Idylle in einem Lynch-Thriller. NOBs leere, aber aufgeladene Räume rufen die unausgesprochenen und beunruhigenden zwischenmenschlichen Sphären des Dramatikers Jon Fosse wach.In NOBs aktuellen Arbeiten wird die Fotografie weiterentwickelt zu Film/Sound oder digitalen Animationen, in denen ausgewählte Landschaftsbilder als Filmvorlage dienen, und in 3- bis 4-minütigen Loops gezeigt werden. Den Sound bildet die elektronische Bearbeitung eines einzigen Tones. In seiner Beschränkung und in seiner Beständigkeit ist dieser Sound ein audio-Kommentar zu der luftleeren Atmosphäre in den Fotoarbeiten. NOB benutzt das Licht als wichtiges Arbeits-Instrument mit Bezug sowohl auf das Bühnenlicht als auch auf die besondere Behandlung von Licht und Schatten durch Maler wie Rembrandt, William Turner oder Lars Hertervig. Der Lichteinfall kann dabei manchmal mehr der Ästhetik als der Logik folgen. Die Lichtquellen arbeiten oft gegen die gegenständlich erzeugten träumerischen oder dramatischen Stimmungen. NOB arbeitet in seinem Studio mit Lampen und Spiegeln, um Licht zurück in die Szene zu reflektieren. Er benutzt die klassischen Methoden der Foto- und Filmstudios: Ein paar Bühnenlampen von oben erzeugen einen kalten Himmel, während ein Scheinwerfer von der Seite die Rolle des warmen Sonnenlichts spielt. Außerdem werden die Spiegel benutzt, um Hintergrundlicht zu erzeugen oder spezielle Teile der Szene zu beleuchten. In seiner Manipulation und Kontrolle des Lichts ist NOB den Malern verwandt, zumindest insoweit man mit Licht und Kamera malen kann.Die Tiefe in den Kompositionen seiner Landschaften wird durch zwei Hauptprinzipen erreicht: entweder durch horizontale Bildebenen in Richtung Hintergrund, wie in Renaissance Gemälden oder durch die diagonale Linie des Barock, die die Bildfläche in Vordergrund und Hintergrund zerschneidet. Im Werk von NOB tauchen diese Prinzipien in veränderter Form auf. Bäume, Hochspannungsleitungen oder andere Requisiten sind wie ein Echo auf Minimalismus und Konkrete Kunst aufgereiht. Manchmal betont er die Tiefe einer Landschaft, indem der Mittelgrund im Focus ist, während Objekte im Vorder- und Hintergrund unscharf gelassen werden. Dieser Effekt ähnelt dem Blick aus dem Seitenfenster eines durch die Landschaft fahrenden Autos. NOBs Ziel ist es, die Realität so gut wie möglich zu imitieren und gleichzeitig das Künstliche seiner Methode zu offenbaren. Seine Szenarien sind subtil und sensibel präpariert. Alles ist mit dem Ziel konstruiert, den zweideutigen Schnittpunkt zu finden, zwischen dem Realen und Verstandesmäßigen und etwas Undefiniert-Unsicherem. Seine Spielzeugmodelle sind Methaphern. Obwohl wir wissen, dass die Modelle winzig sind, nehmen wir sie doch als Stellvertreter der Realität in Originalgröße war. Wir können jedoch nicht sicher sein. Die Bilder erzeugen beim Betrachter unbemerkt eine art mentales Pin-Pong. Doch eigentlich genügt es, sie im Raum zwischen verschiedenen Realitäten vibrieren zu lassen.
In Plüschgewittern
Nils Olav Bøe: "Constructed Landscape". Bis 2. April, Di.-Fr. 14-19 Uhr, Sa. 12-17 Uhr, Galerie Blickensdorff, Auguststr. 65 taz Berlin lokal Nr. 7611 vom 10.3.2005, Seite 27, 133 Zeilen, MATTHIAS REICHELT
Fernweh im "National Geographic"-Look? Die konstruierten Landschaften des norwegischen Künstlers Nils Olav Bøe in der Galerie Blickensdorff sind vermeintliche Idyllen einer romantischen Welt endloser Weiten. Zuerst wecken sie Sehnsüchte nach Ruhe, dann verstört das klinisch Saubere in ihnenVON MATTHIAS REICHELTDer in ein rötlich warmes Licht der untergehenden Abendsonne getauchte Wohnwagen ist der einzige Fixpunkt in einer schier unendlich weiten Landschaft. Keine Menschenseele zu sehen. Nur die Wäsche an einer zwischen Wohnwagen und einem Pfosten gespannten Leine deutet auf Bewohner hin. Flüchtig betrachtet könnte dieses ästhetisierte Bild aus einer Ausgabe der National Geographic stammen und an unser Fernweh rühren, denn überall ist es besser, wo wir nicht sind.Doch hier ist alles Fake. Der aus Norwegen stammende Nils Olav Bøe arbeitet seit 1996 multimedial, wobei die Kamera die letzte Instanz im künstlerischen Prozess ist. In kleinen Modellen fertigt er idealisierte Landschaften, leuchtet diese sehr penibel aus, um sie dann mit möglichst geringer Tiefenschärfe auf Film zu bannen. Diese Bilder von verwunschenen Landschaften, von landwirtschaftlichen oder vorstädtischen Szenen mit einem Getreidesilo oder einem Betongebäude versehen und dann im Foto etwas kälter und grauer erscheinend, balancieren auf der Schwelle zwischen surreal und real. Im ersten Moment können sie Sehnsüchte nach Ordnung, Idyll, grenzenloser Weite und Ruhe wecken, bevor das klinisch Saubere, das Fehlen von Indizien zivilisatorischen Lebens störend in den Vordergrund gerät.Die Ausstellung in der Galerie Blickensdorff ist die erste Präsentation von Bøe in Deutschland. Seine an Filmsettings erinnernden Bilder transportieren nicht nur einen unendlich wirkenden Raum, es scheint ihnen auch eine anderer Zeitbegriff eingeschrieben. Der Fokus ist konzentriert auf ein Zentrum, dessen Umgebung aus einem grenzen- und zeitlosen Raum zu bestehen scheint. Der laut Katalog von Tarkovsky und Lynch faszinierte und beeinflusste Künstler nutzt die Landschaft als assoziativen Ausgangspunkt für Reflexionen über Realität: Während Thomas Bernhard im Literarischen alle Naturbeschreibung strengstens vermied und alles auf das karge und eher hässliche Dasein der Menschen und ihr Interaktionen reduzierte, beschreitet Nils Olav Bøe in seinen ausgestellten und menschenleeren Bildern offenbar den entgegengesetzten Weg. Eines seiner Modelle hat Bøe mittels einer Kamera abgefilmt, um diese Kamerafahrt computergeneriert als DVD-Projektion zu zeigen. In der Filmsimulation fliegt die Landschaft vorbei, als ob man sie bei einer Auto- oder Zugfahrt wahrnehmen würde.Ist man selbst in Bewegung, erstarrt das Statische noch mal stärker und erweckt den Eindruck von Homogenität und Modellbaulandschaft, wie wir sie von Eisenbahnen im Kinderzimmer kennen. In seinem Erstlingsroman "In Plüschgewittern" nimmt Wolfgang Herrndorf Bezug auf diese Analogie: "Es hat erschreckend viel Ähnlichkeit mit diesen Faller Modellbaulandschaften, die wir als Kinder immer zusammengesetzt haben, Häuser für 5,95 Mark mit verschiedenen Pappgardinen und Bäumen aus Islandmoos. Aber das ist ja auch kein Wunder, diese Modelle waren sehr gut."Andere Arbeiten von Bøe, die in der Ausstellung nicht gezeigt werden, offenbaren deutlicher ihren Modellcharakter und bewahren ihre Dreidimensionalität. Kleine Inseln in Schaukästen und - diesmal - mit Menschen bevölkert. Ein Trick, der auch im Theater verwandt wird: Ein Ausschnitt der Gesellschaft wird verdichtet auf einen begrenzten und völlig überschaubaren Raum wie für eine Versuchsanordnung im Labor.Ein Teil der zeitgenössischen jungen Kunst fängt mittels Dokumentation politische Aktionen und soziale Proteste ein, um diese Wirklichkeit wie einen performativen Akt zu begreifen und in den Ausstellungsraum zu überführen. Nils Olav Bøe repräsentiert den anderen Teil: Er baut per Modell Realitäten nach. Auch diese Verfremdung regt zu kritischen Reflexionen an, ohne jedoch eine Richtung vorzugeben.