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Die ganze Welt signieren

Katrin Bettina Müller

Die ganze Welt signieren

Der Körper, die Religion und die Architektur: Systeme der Schönheit und der Selbstbehauptung in den Bildern von Alex FlemingSchönheit ist keine einfache Sache mehr, kein Geschenk der Natur. Sie ist in der Kultur der Gegenwart zu einer anstrengenden Leistung geworden. Dem Menschen zum Beispiel, der schön sein will, arbeiten heute viele Industrien und Unternehmen zu. Als Forderung an die Kunst hat die Schönheit dagegen seit Beginn der Moderne vor über 100 Jahren ihre führende Rolle verloren und ist in den Glamour, den Trash und die Pop-Kulturen abgewandert. Aber die Kunst trauert ihr nach und hat in der Reflexion des Verlustes zu neuen ästhetischen Kategorien gefunden. Allein das Tändeln mit der Schönheit gerät dabei immer wieder in den Verdacht, mit falschen Partnern, wie etwa mit dem Kommerz oder mit Ideologien, im Bunde zu sein. So ist die Schönheit für die Kunst zu einer komplizierten Angelegenheit geworden."Ohne Schönheit geht für mich nichts", sagt der Berliner Künstler Alex Flemming, der ein Atelier hier und eines in Sao Paulo hat. Wenn er von seiner Liebe zur Schönheit redet, dann verweist er auf seine Herkunft aus Brasilien wie auf eine Legitimation, sich hinwegzusetzen über diese komplizierte Angelegenheit, die aus der Schönheit in der Kunst gemacht worden ist. "In Brasilien", sagt er, "musst du gut aussehen, sonst giltst Du nichts." Und so ist einer der Träger von Schönheit, der für seine Kunst wichtig geworden ist, der menschliche Körper. Zum Beispiel in den wohl definierten Muskeln des Body-Builders. "Natürlich ist das auch eine pervertierte und monströse Schönheit, ein Körper voller Stereoide. Ein Körper, der den Tod negieren will." Ein Körper, der den Tod negieren will: Man sieht ihn in Flemmings jüngster Serie, in der Fotografie eines Brustkasten und der Arme, während der Kopf und der Unterkörper abgeschnitten sind. Das ist ein harter Schnitt, der dem Betrachter das Fleisch der Muskeln direkt aufs Auge drückt. Noch verstärkt wird die Aggressivität dieser "Schönheit" durch die Isolierung des Körpers aus jeder Umwelt. Auf weißem, auf pinkfarbenem, auf blauem Grund wiederholt sich das Motiv, wie angestrahlt von der Lichtorgel einer Show. Schönheit ist in dieser Arbeit kein Garant mehr für Irgendwas, nicht für das Gute, das Wahre oder das Vollkommene. "Schön und jung waren auch die Menschen, die in 20 Jahren Militärdiktatur in Brasilien andere ermordet und gefoltert haben", sagt Alex Flemming, der über die Verkuppelung des Bösen mit dem Schönen schon einmal eine ganze Serie gemacht (1997 - 2001) hat. Dort waren in die Silhouetten von Body-Builder-Körpern Landkarten von Schauplätzen des Krieges und Statistiken über Kriegsverbrechen hinein kopiert, während kriegerische Texte des alten Testamentes quer über die ganze Fläche geschrieben waren. Ein Körper, der den Tod negieren will, nein, das ist die Figur von Jesus Christus nicht, aber einer, der von der Überwindung des Todes durch den Glauben und die Religion erzählen soll. Fotografien von Christus-Skulpturen, gekreuzigt und mit einer Aureole von Engeln umgeben oder als gefangene und gefesselte Figur, die in einer Nische aus reich verzierten Bögen, überschwänglich gestalteten Säulen und von starkem Ausdruckswillen geprägten Kapitellen steht, bilden weitere Motive der neuen Serie. Sie sind einer Schönheit verpflichtet, die das Leiden verklärte; einer Schönheit, die noch glaubte, mit dem Guten und Wahren im Bunde zu stehen. Alex Flemming taucht auch diese barocken Oberflächen in die Farbbäder digitaler Bearbeitung und Verfremdung. Was die Kunst damals an visuellen Informationen enthielt, vermögen heute nur noch Kunsthistoriker zu entschlüsseln - noch immer präsent aber bleibt für jeden der Drang, jeden freien Fleck mit Botschaft aufzufüllen. Die fetzigen und leuchtenden Farben, mit denen der Alex Flemming über die kunsthistorischen Oberflächen hinwegbraust, verleihen diesem unbedingten Gestus eine gespenstische Lebendigkeit. Die ist irritierend, weil sie eben so sehr Affirmation (das Festhalten am Willen zur Botschaft) wie Negation (der Zweifel an der Botschaft) bedeuten könnte.  Dieses Schillern zwischen einer euphorischen Begeisterung über die Schönheit der Oberflächen und einem pessimistischen Zweifel am Sinn aller kultureller Leistungen ist es, was Flemmings neue Serie von bearbeiteten Fotografien verbindet. Sie umfasst 78 Bilder, die er 2006/2007 schon in Sao Paulo und anderen Städten in Brasilien ausgestellt hat. Zu den Motiven gehört der Handlauf eines Treppengeländers mit prächtig verzierten Stützen; ein künstlicher Schwan aus der Dekoration eines Schaufensters für einen der erfolgreichsten Herrenausstatter; eine Krone aus schwimmender Helligkeit, das Bild der nachts angestrahlten Kathedrale von Brasilia; das Crossover byzantinischer und arabischer Ornamente in Bögen, Kuppeln und Kapitellen. Fast die meisten dieser Motive kann man den Feldern der Architektur und Religion zuordnen. Beides sind Hüllen, die der Mensch zu seinem Schutz und aus einem Bedürfnis nach Aufgehobenheit gebaut hat - im ersten Fall in Stein und Beton, im zweiten als metaphorische Systeme. Es sind ihnen sehr viele Fragen, Zweifel und Versuche der Selbstvergewisserung vorausgegangen und sie wollen sich nun als Manifestation der gefundenen Antworten, der Sicherheit gewährenden Instanzen behaupten. Gerade deshalb trifft sie das Licht so hart, in das Alex Flemming sie setzt. Nirgendwo ist die Herkunft der Motive, die Alex Flemming alle selbst auf seinen Reisen in Europa und Südamerika aufgenommen hat, verzeichnet. Auf das Wiedererkennen der Orte und eine Zuordnung als Erinnerungsbild an ... kommt es ihm nicht an. Wichtiger ist ihm, wie sich die verschiedenen Abzüge eines Negativs durch die Farbwahl, die Druckmaschinen, das Format, den Druck auf Folien, die Rahmung in Plexiglas, verändern. Er nennt das eine fortgesetzte Recherche über die technischen Mittel.  Nicht von ungefähr erinnern die wechselnden Farben der Abzüge an die Bilderserien, die Andy Warhol den Ikonen des Pop widmete. Auch Alex Fleming treibt durch diesen Umgang mit den Motiven den Fetisch-Charakter in ihnen hervor. Ähnlich wie die Sessel, Stühle, Kleidungsstücke, Koffer und präparierten Tierkörper, die er bemalt und beschrieben hat, werden auch die Bilder zu Objekten. An Stelle von Titeln tragen die Bilder von Alex Flemming Werknummern, die er in Zahlen oder in Worten, manchmal sogar in verschiedenen Sprachen auf die Oberfläche der gedruckten Fotografien schreibt und sie damit als Unikate präpariert. Er setzt mit wechselnden Farben auch seine Signatur ins Bild: Sie wird, wie schon immer die Schrift in seinen Bildern, zu einem kompositorischen Element. Tatsächlich redet Alex Flemming vom "malen", wenn er das Überschreiben der Bilder mit Buchstaben meint. Ihre Anordnung folgt nicht den Regeln von Rechtschreibung, Grammatik und Sprachrhythmus, sondern er nutzt die Buchstaben als visuelle Akzente. Ein fortgesetztes Zählen und Buchstabieren verbindet seine Werke, knüpft sie zu einer Kette ohne absehbares Ende.Dass diesmal vom Text nur die Werknummer und die Signatur übriggeblieben ist, hat mit dem Thema der Bilder zu tun. Er signiert nicht nur seine Bilder, er signiert mit dieser Geste gewissermaßen das Bild der ganzen Welt, so, wie er sie sich angeeignet hat. In einem Bild, das Alex Flemming ein Selbstporträt nennt, sieht man nur seine Füße - so, wie jeder auf seine Füße herabblickt, - und dazwischen im Halbkreis geschrieben die Bildnummer "siebenundsiebzig". Das ist die Markierung der Ausgangsposition, des Punktes, von dem aus alle Bilder entstanden sind, die "das Ich als das Zentrum" benennt. Von diesem Punkt aus versteht er die Architektur und die Religion als zwei Gebäude und Hilfskonstruktionen, mit denen der Mensch sich ins Verhältnis zur Welt setzen will. Der Mensch, der sich selbst "für den Spiegel Gottes" hält und nicht anders, denn "als Zentrum des Universums" begreifen kann, treibt auch immer ein Spiel, eine Vermessenheit - aber genau diese Vermessenheit ist eben eine der Antriebskräfte der Kultur. Alex Flemming sieht ihr staunend und nicht ohne Bewunderung zu. Er weiß sich als Künstler als ein Teil von ihr, aber er weiß auch, wie absurd ihr Bemühen werden kann. So ist er ebenso sehr Schöpfer wie skeptischer Beobachter der ständigen Hervorbringung.