Dornröschens Rastlosigkeit
Quelle : Berliner Zeitung
Datum : 21.07.2001
Seite : 13
THE : 'Kunst'
Land : Berlin (BLN), Bundesrepublik Deutschland (BR)
Person : Yotta Kippe
KLA : Ausstellungs - Rezension
Autor : Carmen Böker
Das Haschen nach optischen Happen Yotta Kippes Arbeiten in der Galerie Blickensdorff Genau mit diesen bewährten Hilfsmitteln wird man in Telefonwarteschleifen stets zum Dahinduseln genötigt: ein softes Saxofonsäuseln von Kenny G., eine weich gespülte weibliche Stimme (es ist, elektronisch verfremdet, die der Künstlerin). Süß und anschmiegsam wie Zuckerwatte sind diese beiden Zeitdiebe, die das willenlose Ausharren empfehlen und Teil von Yotta Kippes neuer Installation "fuzzy logic" sind.
Wer bei Barbara Blickensdorff den hinteren Galerieraum hinter dem schneeweißen Vorhang betritt und sich, so die Anleitung, einen Kopfhörer aufstülpt, dem wird allerdings auch ebenso überfreundlich mitgeteilt, dass er lediglich 73 Sekunden Zeit habe: ein völlig willkürlich gewähltes Intervall, das den Besucher sofort in den wenig kontemplativen Stress versetzt, möglichst viele optische Happen erbeuten zu wollen. Denn durch einen großzügigen Trockeneisnebel sind knapp 200 kleinformatige Fotografien an den Wänden auszumachen: Selbstporträts, gefletschte Münder, leere Straßen, Ohren, Fische, Pilze, Süßigkeiten, Kornfelder - auch Wörter wie "Notruf" oder "Gefühle" scheinen auf. Jeder, sagt Yotta Kippe, nähme etwas anderes mit aus "fuzzy logic", sehe andere Momentaufnahmen aus ihrem eigenen Alltagsleben. Im Zickzack des Zufallsprinzips überschneiden sich imaginär wohl die Blicke der Besucher, doch bleiben die Erfahrungen singulär, denn der Raum darf nur einzeln betreten werden.
Der Berliner Künstlerin, Jahrgang 1971, die gerade ihre eigene Homepage www.yottak.de aufwändig zum "Kommunikationsknoten" ausbaut, ist damit eine gültige Parabel auf das Internet gelungen: Jeder sucht für sich allein.
Und: Man kann nicht zweimal in die selbe Benutzeroberfläche eintauchen.
Yotta Kippe ist generell fasziniert vom Phänomen der Oberfläche - sei es nun jene, die die Kosmetikindustrie in perfekter Schönheit herzustellen verspricht mit all ihren Mittelchen, oder jene, die sie am Computer als Ikonisierung erarbeitet für ihre Personenfotografien. Die in der letztjährigen Ausstellung bei Blickensdorff als Scans gezeigten Accessoires wie Wattestäbchen oder Schlüsselanhänger kehrten den Versuch, mit ihrer Hilfe eine Person zu charakterisieren, letztendlich ad absurdum - denn eine Hautcreme vermag tatsächlich nur sehr wenig über den Charakter ihrer Benutzerin auszusagen. Nichtsdestotrotz konnte Kippe so eindrucksvoll beleuchten, wie leicht sich mit den passenden Konsumartikeln eine Existenz behaupten lässt.
Mit Hilfe der digitalen Bildbearbeitung geht sie einen gegenläufigen Weg:
indem sie - etwa mit "alles" (siehe Abb.) - den authentischen Nimbus der Fotografie neu belebt, Eigenheiten der Porträtierten gezielt überhöht und so die Langzeitbeobachtung des Künstlers thematisiert. Die fast grafisch ammutenden Runzeln im Gesicht einer alten Frau werden zum Muster - einzigartig wie ein Fingerabdruck.
Bis 15. September Galerie Blickensdorff
(Gipsstr. 4, Mi-Sa 14-19 Uhr; Sommerpause vom 3.-31.8.).
Die Homepage der Künstlerin: www.yottak.de YOTTA KIPPE "alles"
(2001, Digitalfotografie), aufgenommen in einem Altersheim.